Gehirnfunktionen und Trauma

Der Aufbau des menschlichen Gehirns ist nur in groben Zügen genetisch vorgegeben. Seine Feinstruktur ist das Ergebnis eines komplexen Organisationsprozesses, bei dem auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören auch die Ernährung der Mutter oder Erkrankungen.

Für die neurobiologische Verarbeitung von Traumen sind v.a. drei Gehirnareale wichtig:

Der Neo-Cortex: multisensorischer und motorischer Teil der Großhirnrinde, hier werden u.a. die Informationen aus der Außenwahrnehmung mit bestimmten Verhaltensmustern und Emotionen verbunden (planen, voraussehen, Empfinden von Zeit und Raum). => Kognition

Das limbische System: eine Funktionseinheit des Gehirns (u.a. mit Amygdala, Thalamus, Hypothalamus und Hippocampus), die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. => Fühlen

Der Hirnstamm: der evolutionär älteste Teil des Gehirns, der grundlegende Organisationsaufgaben erfüllt, wie Hunger, Schlaf, Erregung, Flucht, Kampf. => Instinkte

Ein Trauma entsteht, wenn ein Geschehnis auf den Organismus trifft, ihn überwältigt und weder Flucht noch Kampf möglich sind. Dies kann einmalig sein (Schocktrauma, z.B. Autounfall) oder über einen längeren Zeitraum hinweg (Entwicklungstrauma, z.B. Bindungsverrat). Dann kommen neurobiologische ‚Aktionssysteme‘ in Gang, die dem Überleben dienen.

Bei Gefahr wird der Neo-Cortex ‚runtergefahren‘, er arbeitet zu komplex und langsam für eine schnelle Reaktion. Die ersten Reaktionen bei drohender Gefahr sind instinktiv, d.h. im Hirnstamm wird eine große Energiemenge frei, die außergewöhnliche körperliche Leistungen ermöglicht, z.B. Flucht. Traumatisch wird es, wenn es dem Organismus nicht möglich ist, diese Energiemenge aufzubrauchen (Kampf oder Flucht). Dann kommt es zu einem Zustand höchster Erregung gekoppelt mit gleichzeitiger Erstarrung. Wenn die Reaktionskette also vom Körper nicht beendet werden kann, bleibt sie als Trauma im Nervensystem gebunden und kann kognitiv nicht mehr in das biografische Raum-Zeit-Gefüge integriert werden (‚Es war schlimm, aber jetzt ist es vorbei.‘). Im Limbischen System gespeicherte nicht integrierte Erinnerungsfetzen (Flashbacks) erzeugen immer und überall Angst und Panik als sei man noch immer mitten im traumatischen Geschehen.

Dadurch können sich schwere psychiatrische Störungen wie (komplexe) Posttraumatische Belastungsstörung, Dissozialität und Depression im späteren Erwachsenenalter manifestieren. Das Trauma kann sich aber auch durch unspezifische Symptome zeigen, z.B. Unruhe, chronische Verspannungen, Angst, Panik, Herzrasen, Aggression, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Amnesien, Depression.

Die Traumasymptomatik ist so gesehen keine Erkrankung, sondern der Versuch des Organismus mit dieser nicht ausagierten Energie fertig zu werden. Ein Trauma ist eine physiologische Störung, weshalb normale Gesprächspsychotherapien bei Trauma oft nicht weiterhelfen. Die Traumapsychotherapie unterstützt den Organismus dabei, diesen unvollständigen Prozess zu Ende zu bringen.