Was braucht mein Baby ?

In unserem Kulturkreis ist es nicht mehr die Regel, dass sich große Geschwister, Onkel, Tanten und Großeltern wie selbstverständlich der Babys annehmen. Dafür gibt es viele Gründe, entweder wohnen sie weit weg oder man ist Einzelkind etc. Die Sorge um den Nachwuchs obliegt ziemlich allein den Eltern, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Sie sollen die Zeit genießen und daneben noch Elternzeit und -geld beantragen, mit dem Arbeitgeber oder Jobcenter reden, nach Vorbereitungskursen suchen, Geburtsorte ansehen, nach einem Krippen- oder Kitaplatz suchen etc. Ganz abgesehen von der den richtigen Windeln, der aufgeräumten Wohnung, dem Einkauf und täglicher Selbstpflege.

Wenn man ein Kind bekommt, ist das etwas Besonderes, und das wird damit gleichzeitig auch zu etwas Unnormalem. Da machen sich schnell große Erwartungen von außen breit, aber auch durch sich selbst. Es sieht so aus, dass junge Ersteltern, die besonders gut vorbereitet sein wollen und sollen, durch eine wahre Flut von Ratgebern mit teils sich widersprechenden Empfehlungen und gutgemeinten Tipps aus der Verwandtschaft vollkommen verunsichert und gestresst sind, wenn das Baby erst mal da ist.

Das angeeignete Wissen können sie nicht umsetzen. Warum nicht?

Wenn man etwas kognitiv verstanden hat, heißt das noch lange nicht, dass man es praktisch umsetzen kann oder es automatisch funktioniert. Eine Empfehlung kann in dem dort angeführten Beispiel stimmig gewesen sein, das eigene Baby reagiert aber vielleicht gar nicht auf dieses Angebot. So kann man leicht in eine Negativspirale kommen, da die Eltern nun denken, sie machten etwas falsch, dabei wollen sie ja alles richtig machen. De facto stimmt das aber nicht, sondern ihr Baby benötigt vielleicht etwas anderes. Wie wäre es, ein wenig mehr Abstand zu den Tipps von außen zu nehmen und durch den ganzen Wissenswust hindurch, zu versuchen darauf zu hören, was das eigene Bauchgefühl sagt? Auch, wenn wir in einer Zeit leben, in der die Ratio hoch im Kurs steht und wir leider nicht oft damit groß werden, uns selbst zu vertrauen.

Vielleicht spürt man dann sogar etwas, was so in keinem Ratgeber steht. Hier setzt an, was sich feinfühlige, bindungsorientierte Beobachtung nennt. Die Eltern können ihr eigenes Baby am besten lesen lernen. Wenn sie bedacht, liebevoll und detailliert die Reaktion beobachtend mit dem Baby umgehen, ist es viel besser möglich zu erkennen, was es braucht. Andersherum kann das Baby seine Eltern sehr gut lesen und es wird merken, wenn sie verunsichert sind und reagiert darauf mit Unruhe, Schreien, Trennungsängsten, Schlafschwierigkeiten etc.

Wenn ich Ihnen nun doch auch etwas mit auf den Weg geben darf: Versuchen Sie, bei sich zu bleiben, nicht ‚Aber im Kurs wurde gesagt…‘  oder ‚In dem Ratgeber steht aber…‘. Das kann auch für die Kommunikation zwischen Ihnen als Eltern hilfreich sein. Ganz im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation, gehen Sie von sich aus, indem Sie sagen, was Sie beobachten und wie sich das für Sie anfühlt. Wenn es sich bei Ihnen als Eltern stimmig und gut anfühlt, ist es i.d.R. für das Baby auch so, denn es spiegelt sie ganz genau. Was IHR Baby genau braucht, kann in keinem Ratgeber stehen, das können nur SIE durch Erfahrung und Zeit mit Ihrem Baby wissen lernen. Das ist ein wenig die Krux, aber auch lohnende Herausforderung, eben das Besondere, von dem ich mir wünsche, dass es wieder normal wird.