Wozu Selbstmitgefühl ?

„…denn das Hören der inneren Weisheit erfordert Stille.“  Luise Reddemann

In unserer Gesellschaft zählen Erfolg, Stärke, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen. Gut ist, wer viele Überstunden hat, schnell befördert wird, erst um 22 Uhr von der Arbeit kommt. Unterbrochene Berufsbiografien, Findungsphasen, Muße tun, an sich halten, alles muss gerechtfertigt sein, alles muss einen Sinn haben, einen wirtschaftlichen, karrieristischen Erfolg bringen. Verletzlichkeit, Unsicherheit, Schwäche, Traurigkeit und Sensibilität haben da wenig Platz.  

Wenn aber etwas schief geht, wir die Anforderungen nicht erfüllen konnten, zweifeln wir zuerst an uns und geben uns selbst die Schuld. Damit fühlen wir uns noch schlechter und allein. Selbstkritische Gedanken (Das war ja klar, dass das wieder nicht klappt. Das schaffe ich nie.) ziehen uns unversehens immer weiter runter. Die Stille um uns herum halten wir kaum aus.

Woher kommt das und warum behandeln wir uns selbst so schlecht, wenn wir leiden? Vielen Menschen wird schon von klein auf mit auf den Weg gegeben: Sei stark, Du musst Dich nur anstrengen. Alles ist möglich. Oder aber auch: Das schaffst Du nicht, das musst Du so und so machen, streng Dich mehr an. Damit wachsen wir auf und verinnerlichen diese Sätze. Wenig Selbstmitgefühl ist ein generationenübergreifendes Phänomen, es wird also transgenerational weitergegeben. Wer für sich selbst kein Mitgefühl spüren kann, kann es für andere Menschen auch nicht.

Je mehr wir uns unter Druck setzen ‚perfekt‘ zu sein, also äußeren Anforderungen zu genügen, desto unzufriedener fühlen wir uns. Auf das Gefühl unserer Unzulänglichkeit reagieren wir mit noch mehr Selbstverurteilung. Wir arbeiten damit gegen uns, beuten uns aus. Es gibt immer mehr Menschen mit psychischen Stressfolgeerkrankungen, mit psychosomatischen Störungen und Volkskrankheiten Nr. 1, 2 oder 3…

Selbstmitgefühl ist eine wohlwollende Haltung uns selbst gegenüber und hat nichts mit Selbstmitleid gemein. Sie gibt uns Lebensfreude und die Energie, unsere Ziele mit Leichtigkeit und Kraft zu erreichen, sie lehrt uns in schwierigen Situationen weise zu handeln, indem wir auf unsere Erfahrungen hören und uns selbst vertrauen.

Je mehr Selbstmitgefühl Menschen empfinden, desto zufriedener sind sie mit ihrem Leben, desto verbundener fühlen Sie sich mit anderen Menschen, desto höher ist ihre emotionale Intelligenz, ihr Glücksempfinden, ihr Optimismus, ihre Weisheit und ihre Neugierde. Studienergebnisse zeigen eindeutig, dass Selbstmitgefühl unser emotionales Wohlbefinden deutlich steigert und dass es vor Stress, Angst und Depression schützt.

Selbstmitgefühl ist eine emotionale Fertigkeit, die man nachlernen kann. Auch Menschen, die mit wenig Zuneigung aufgewachsen sind oder denen es schwer fällt, freundlich zu sich zu sein. Es geht darum zu lernen, mich so anzunehmen, wie ich gerade bin – mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich trage viele Anteile in mir und jeder hat eine Daseinsberechtigung – nur gemeinsam bin ich stark.